-eine Bremer Volkssage, in der Fassung von Friedrich Wagenfeld 
Hier gibt es die Emmasage auch als PDF
Einst war der Herzog Benno von Sachsen in Leßum zum Besuch ... Sie ritten, umgeben von einem stattlichen Gefolge, am frühen Morgen bei der Stadt Bremen vorüber, um die Güter der Gräfin, die unter ändern einen großen Theil des jetzigen Stadtgebiets umfaßten, in Augenschein zu nehmen. Da nahten sich, im Vertrauen auf die Milde der Gräfin, einige Abgeordnete der Bürgerschaft und klagten über den Mangel an Weideland für ihr Vieh. Die Gräfin hörte ihnen mit Theilnahme zu und versprach, ihrer Noth abzuhelfen. Sie wollte ihnen - sagte sie - an Wischen und Weiden geben, soviel ein Mann in einer Stunde umgehen könne.
Da wurde der Herzog besorgt, daß die Gräfin bei ihrer bekannten
Herzensgüte zu weit gehen und zu viel von dem kostbaren Erbe verschenken
möge, das ihm oder seinen Kindern zufiel nach ihrem Tode. "Ihr solltet
lieber die Frist auf einen ganzen Tag ausdehnen", sagte er ärgerlich.
Die Gräfin aber überhörte den Vorwurf, der in seinen Wort lag
und erwiederte sanft: "Der Herr hat mich reich gesegnet an irdischen
Gütern; es mag Euer Wort gelten."
Diese Zustimmung der Gräfin kam ihm vollends unerwartet, und er sann
darauf, wie die Sache rückgängig zu machen sei. Da kam ihm plötzlich
ein listiger Gedanke, er verbarg seinen Ingrimm unter einer glatten Miene
und nahte sich mit gleisnerischen Worten seiner Schwägerin: "Da
Ihr Euch", sagte er, "in dieser Angelegenheit meinem Rathe so schnell
gefügt habt, so überlaßt Ihr es mir auch wohl, die Sache sogleich
ins Werk zu richten."
Emma willigte arglos in sein Begehren, und nun kam die Tücke des Herzogs
zum Vorschein; denn er sprengte die Straße hinab bis zu einem Bettler,
bei dem sie so eben vorbeigeritten waren, und dem die Gräfin ein
reichliches
Allmosen gespendet. Er hatte im Vorüberreiten recht wohl bemerkt, daß
der Mann ein armer Krüppel war. Verwundert folgte ihm der ganze Zug.
"Soll ich also" - wandte er sich schadenfroh an die Gräfin
- "dafür sorgen, daß Euer Befehl pünktlich vollstreckt
werde, so will ich Euch auch den Mann zeigen, der sogleich seinen Weg antreten
möge."
Da brachen die Bürger aus in lautes Wehklagen, daß durch des Herzogs arge List die Freigebigkeit ihrer Wohlthäterin so schnöde vereitelt sei. Emma aber stieg herunter von ihrem Rosse, legte ihre Hand wie segnend auf das Haupt des armen Krüppels und betete leise. Die Bürger standen verzweiflungsvoll daneben; denn sie kannten den Mann und wußten, daß er ohne fremde Hülfe sich nicht vom Platz bewegen könne. Des Morgens brachten ihn mitleidige Menschen an die Straße und des Abends mußten sie ihn wieder heimholen. Der Bettler selbst war über die Zumuthung der hohen Frau erstaunt, als sie ihm winkte, aufzubrechen, und sah zweifelnd zu ihr in die Höhe.
...
sagte die Gräfin, und der Krüppel setzte sich in Bewegung. Gehen
konnte er nun freilich nicht, da der Gebrauch der Füße ihm gänzlich
versagt war; er kroch also auf den Händen, und ein Diener der Gräfin
folgte ihm, um alle hundert Schritt auf
seiner Bahn einen Pfahl einzuschlagen. Im Anfange waren die Bürger traurig,
und die Meisten gingen voller Missmut zu Hause; denn was sollten sie von einem
Krüppel erwarten. Der aber kroch und kroch, immer gleichmäßig
weiter, ohne Ruhe und Rast, und als die Bürger gegen Mittag wieder hinausgingen,
wurden sie auf das Angenehmste überrascht; denn soweit das Auge reichte,
erblickten sie die hellschimmernden Pfähle in einer langen, langen Reihe
und im
Hintergrunde
in einem ungeheuren Bogen; so ging es fort und im Abendschein konnte man schon
von der Stadt aus deutlich den Krüppel arbeiten sehen, wie er näher
und näher kam. Als die Sonne sank, langte er bei der Stadt an, und es
war eine Weide eingezäunt, viel umfangreicher, als die Bürger ursprünglich
gehofft hatten und fast zu groß für ihren Bedarf. Dies war im Jahre
1032.Auf diese Wiesen, die jetzige Bürgerweide, treiben noch heutiges Tags die Bremer Bürger ihr Vieh gegen eine unbedeutende Einschreibegebühr.
Den
Krüppel aber haben die Bremer zeitlebens in Ehren gehalten, und auch
die dankbare Nachwelt hat seiner nicht vergessen. Sein Bildniß sieht
man zwischen den Füßen der Rolandsäule in Stein ausgehauen.
Emma lebte noch vierzig Jahre nach dem Tode ihres Mannes, eine Stütze
und Trost für die Armen und Notleidenden. Sie wurde nach ihrem Tode im
Dom unter einem viereckigen blauen Stein begraben....."
(aus : Friedrich Wagenfeld : Erster Band der Bremer Volkssagen)
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